Last minute to China

Noch immer Bishkek/Kirgistan. Nachdem ich alle Visa (für China und Pakistan) zusammen hatte, sollte es mit dem Bus es nach Almaty und per Nachtzug nach China gehen, der zwei Mal wöchentlich verkehrt. Die Anreise dorthin hätte deutlich entspannter sein können. Eigentlich hätte ich es doch wissen müssen, dass man hierzulande keinen Termin (zum Beispiel die Abfahrt eines Nachtzugs) an das Ende eines Tages legen, sondern mit ausreichend Puffer reisen sollte. Eine Anekdote meiner Anreise nach China in last minute… Als ich nachmittags am Busbahnhof in Bishkek ankam, fand ich nur eine leere Marschrutka nach Almaty vor. Ein Bus fährt nicht eher ab, bevor er nicht restlos belegt ist. Ich stellte mich auf ein längeres Unterfangen ein, hatte ich schließlich noch genügend Zeit bis zur Abfahrt des Nachtzugs in Almaty um Mitternacht. 20 Uhr, nach drei endlosen Stunden, fand sich endlich der letzte Fahrgast und es ging los. Jetzt wurde es aber auch bei mir langsam knapp. Zum Glück dauerte es an der Grenze mit allen Fahrgästen nicht allzu lang. Kirgisen stempeln und winken durch, Kasachen schauen gewöhnlich genauer hin, wie ich inzwischen zum dritten Mal erleben durfte. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges kamen wir am Busbahnhof in Almaty an, der sich am Rande der Stadt befindet. Mit anderen Mitreisenden ging es im Taxi zum Bahnhof. 0:05 Uhr, noch 25 Minuten bis zu Abfahrt und ich hatte noch keine Fahrkarte. Ich war nicht der Einzige, der um diese Zeit am einzig geöffneten Schalter anstand. Also beschloss ich, etwas Peinliches zu tun, das ich gewöhnlich nicht tue: mich eilig zu stellen und trotz elektronischem Aufrufsystem dreist vorzudrängeln. Man bediente mich an einen anderen Schalter. Noch 15 Minuten. Wer meint, dass deutsches Bahnpersonal am Fahrkartenschalter langsam ist, hat noch kein kasachisches erlebt. Nach 10 Minuten wies mich die gute Dame schließlich darauf hin, dass die Kreditkartenzahlung außer Betrieb sei. 5 Minuten vor Abfahrt: kein Geldautomat weit und breit, um den happigen Fahrpreis von 33.000 Tenge (fast einhundert Euro) zahlen zu können. Ich lief direkt zum Bahnsteig, um die Angelegenheit unbürokratisch zu lösen – das hatte in Kasachstan ja schon einmal funktioniert. Die halbe Bahnhofshalle hatte inzwischen Anteil genommen. Das gelingt mir immer gut. Der Taxifahrer von eben hatte meine Lage schon länger beobachtet und kam gleich zum chinesischen Nachtzug mit, der bereits die Türen verschlossen hatte. Ein Schaffner öffnete die Tür und schüttelte gleich mit dem Kopf: ohne Ticket, keine Mitfahrt. Die holprige Verständigung mit dem chinesischem Personal auf Russisch war vergeblich, der Chinese verzog keine Mine. Da stand ich halb eins auf einem leeren Bahnsteig vor dem ersehnten, abfahrtsbereiten Zug, mit lang erkämpftem Visum, aber ohne Fahrkarte und durfte nicht einteigen. Ich sah mich schon im Nachtbus sitzen. Da zog mich der Taxifahrer und rannte durch die Bahnhofshalle zu seinem Auto auf dem Vorplatz. Wie auf einer Flucht fuhren wir zum zweiten Bahnhof Almaty-1, 10 km außerhalb der Stadt, an dem derselbe Zug in einer dreiviertel Stunde noch einmal abfuhr. Unterwegs ließ er mich die geforderten Tenge an einem ATM ziehen. Dadurch hatten wir 20 Minuten gewonnen. Doch ausgerechnet am zweiten Bahnhof konnte man mir kein Ticket für diesen Zug verkaufen. Wunderbar. Ich bekam Verstärkung: die Bahnhofspolizei schaltete sich in aller Ruhe ein und begann ein freundliches Gespräch mit meinem Taxifahrer Marat und mir, worauf ich nun wirklich keine Lust hatte. Der Nachtzug fuhr ein. Ich versuchte es wieder ohne Ticket, diesmal beim Zugchef. Dieser ließ mit sich diskutieren und nannte einen ähnlichen Preis in chinesischen Yuan, bloß keine Dollar. Woher sollte ich denn jetzt, nachts um eins, nur Yuan auftreiben? Taxifahrer Marat zog ein zweites Mal meinen Arm: diesmal auf Suche nach einer Wechselstube. Hektisch ging’s zurück zur Bahnhofshalle, in der wie durch ein Wunder noch ein Schalter geöffnet war. Ich tauschte meine kasachischen Tenge in Yuan und lief stolz mit den gewünschten 700 Yuan zum Zug zurück. Geschafft, wenige Minuten vor Abfahrt umarmte ich Marat für seinen heldenhaften Einsatz und das Verhandlungsgeschick, ohne den ich den Zug nie geschafft hätte (!) und stieg glücklich in den Nachtzug ein. Einen Obolus für seine nicht selbstverständlichen Taxidienste lehnte er energisch ab, er hatte mir eben nur freundschaftlich helfen wollen. Im Zug stellte man mir schließlich dann noch ein handgeschriebenes Ticket aus und gab sogar Wechselgeld.

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Das handgeschriebene chinesische Billet, ausgestellt in Schweizer Franken

Die 33-stündige Zugfahrt durch die kasachische Steppe genoss ich ganz allein mit Schreiben und Lesen. Von den ausschließlich mitreisenden Chinesen sprach keiner auch nur ein Wort English. Endlich mal eine Nachtzugfahrt, auf der man am nächsten Morgen nicht um sechs, zwei Stunden vor Ankunft, geweckt wird, weil die Toiletten bald abgesperrt werden. Dafür hatte ich den wohl schlechtesten Preis-Leistungs-Deal eines Nachtzugs – nicht einmal Tee gab es. Die Grenzkontrollen an der kasachisch-chinesischen Grenze erforderten einen großzügigen, dreistündigen Personaleinsatz. Die chinesischen Beamten interessierten sich nicht nur für meine Fotos, sondern auch für sämtliche Druckerzeugnisse in meinem Rucksack. Zwischenzeitlich wurde der breitspurige Zug auf Normalspur umgespurt. Etwas, das ich noch nie live erlebt habe und eine Dreiviertelstunde dauerte: dabei wurde unser Zug wagenfein aufgelöst und im Abstand von 10 m hydraulisch angehoben. Danach wurden die breitspurigen, russischen Fahrgestelle mittels Seilzug ausgefahren und durch normalspurige, chinesische ersetzt.

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Umspurung am Grenzbahnhof Druschba an der kasachisch-chinesischen Grenze

Am nächsten Morgen traf ich in Ürümqi meinen Freund Simon aus dem Studium, der auch gerade in China unterwegs war. Wir hatten uns im wilden Westen Chinas verabredet und reisten nun eine Woche gemeinsam durch das Land der Fleischspieße und (dort lebenden) Uiguren wie man die westchinesische Provinz Xinjiang auch nennen könnte. Chinesisch geht es dort höchstens auf den Straßen zu: leicht chaotisch, laut und ohne Regeln. In dieser westchinesischen Provinz lebt die turksprachige, sunnitische Ethnie der Uiguren, die einen Sonderstatus im sonst von Han-Chinesen bevölkerten Reich der Mitte genießt. Zwischen beiden Kulturen kommt es gelegentlich zu Unruhen, in den letzten Jahren gemäß chinesischer Justiz immer wieder zu blutigen Aufständen von uigurischen Separatisten mit zahlreichen Toten. Seitdem sorgen auffällig viele bewaffnete chinesische Soldaten mit Panzern und Stützpunkten für Stabilität an öffentlichen Plätzen und Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen oder Bushaltestellen. Höheres Personal scheint von Han-Chinesen gestellt zu sein. Ich habe in in den Bahnhöfen oder Zügen ausschließlich echte Chinesen gesehen.

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Dinotreffen in Turpan: Wiedersehen im Wilden Westen Chinas mit ebenfalls Verkehrte-Welt-Guru Simon

Wir wollten unsere Zeit in der farblosen Millionenstadt Ürümqi nicht vergeuden und fuhren bald nach Turpan weiter, einem Gebiet, das über hundert Meter unter dem Meeresspiegel liegt und bekannt für den Weinanbau ist. Dieser wurde vor kurzem geerntet, sodass es überall leckere Rosinen in allen Größen zu kaufen gab. In der Turpansenke, nur wenige hundert Kilometer östlich von Ürümqi war es zum Glück zehn Grad wärmer, aber der Winter kam unaufhörlich näher, für den ich weniger ausgestattet war.

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Ankunft in Turpan mit einem Talgo

 

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China verfügt über ein ausgeprägtes Hochgeschwindigkeitsnetz, das in den letzten Jahrzehnten ausgebaut wurde
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Kamele am Rande der Wüste bei Turpan
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Aus Lehmziegeln gebaute Speicher zur Trocknung des Weins

Von einer der tiefsten Stellen der Erde ging es etappenweise zu einer der höchsten. Wir fuhren tausend Kilometer südlich in die Stadt Kashgar auf 1300 m Höhe, Ausgangspunkt der umliegenden Passstraßen. Die erst 15 Jahre alte Bahnstrecke nach Kashgar wurde im letztem Jahr zweigleisig neu trassiert und bindet diesen Teil mit dem Rest der Welt über eine schnellere Nachtzugverbindung an. Die geografische Lage Kashgars war von strategischer Bedeutung für den damaligen Handel. Passstraßen führen noch heute über die höchsten Gebirge der Welt in die Nachbarländer nach Kasachstan, über den Tian Shan nach Kirgistan, den Pamir nach Tadschikistan, das Kaschmir nach Pakistan und Indien sowie entlang des Himalayas nach Tibet im Osten. Das Flair der alten Handelsstadt von damals ist noch heute auf dem riesigen Basar spüren, der nach wie vor der Dreh- und Angelpunkt der Stadt ist. Seit 2009 erfolgt eine umfassende Modernisierung des Zentrums. Die jahrhunderte Jahre alte Altstadt wurde fast vollständig zerstört und durch Neubauten in ähnlicher Bauweise ersetzt, die sich schnell als fake erweisen. Hunderttausende Menschen wurden in erdbebensichere Wohnblocks umgesiedelt, so das Anliegen aus Peking. Die Modernisierung wird von Einheimischen aber als vorgeschobener Grund gesehen, vielmehr verfolgt die chinesische Regierung sicherheitspolitische Ziele und die Kontrolle dieser ethnischen Minderheit.

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Abfahrt mit dem Nachtzug nach Kashgar in Ürümqi
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Motorroller sind Verkehrsmittel Nummer eins
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Nebenstraße mit Straßengeschäften im Zentrum Kashgars
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Die heutigen Fassaden des Zentrums sind zwar mit traditionellen Baumaterialien erbaut, dennoch nur fake

Kashgar ist die lebendigste Stadt auf der Seidenstraße seit der Türkei, die ich gesehen habe, hier hätte ich wochenlang bleiben können. Geschäftige Basare, kulinarische Straßenstände, Nachtmärkte und traditionelles Handwerk in den verwinkelten Straßen des großen Zentrums, wenn auch vieles neu erschaffen. Das ganze Leben findet auf der Straße statt. Letztlich verblieb ich in Kashgar, auch krankheitsbedingt, eine Woche, unternahm – in chinesischen Verhältnissen ausgedrückt – einen kleinen Ausflug in die 500 km benachbarte Stadt Hotan auf der südlichen Seidenstraße, nachdem Simon wieder Richtung Osten abgereist war.

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Der tägliche Sonntagsbasar in Kashgar
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Jedes Handwerk hat in Kashgar einen eigenen Straßenzug
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Schuhkauf dauert nicht lang, entweder passen die gebrauchten Unikate oder nicht
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Straßenhandel rund um den Basar
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Made in China: hier setzt man auf Qualität aus lokaler Produktion
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Die achtstündige Fahrt mit dem Bauernzug in der 3. Klasse von Hotan zurück nach Kashgar war eine persönliche Geduldsprobe

Da diese Kultur Westchinas sehr von Basaren und dem Straßenverkauf geprägt ist, auf denen sich alles ums Essen dreht, sollen an dieser Stelle ein paar ausführlichere Worte dazu erfolgen. Die chinesische (uigurische) Esskultur unterscheidet sich spürbar von der europäischen. Zwar war ich das Essen mit Fingern (sogenannter Fünf-Finger-Nudelgerichte) aus Kirgistan längst gewöhnt, bewunderte ich aber die Begabung der Chinesen. Nicht nur mit Stäbchen zu löffeln, sondern auch beim Essen zu schmatzen, räuspern, spucken und zu rülpsen oder gelegentlich auch andere Geräusche (in Kashgar erlebt) am Tisch verlauten zu lassen. Demgegenüber sucht man zum Schnäuzen die Toilette auf, zu peinlich. Oder es wird ins Telefon gebrüllt als riefe der Gesprächspartner gerade aus dem viertausend Kilometer entfernten Peking an. Chinesen machen grundsätzlich Krach. Etwas, das anderenorts allenfalls als mangelnde Selbstwahrnehmung einzuordnen, hier aber völlig üblich ist. Wie auch immer, es mundete, auch wenn sich die uigurische Küche kaum von der zentralasiatischen unterscheidet. Auf sogenannten Nachtmärkten gab es mit Einbruch der Dunkelheit günstiges Essen auf Plätzen, die tagsüber noch menschenleer waren. Für 3 Yuan, umgerechnet nicht einmal 50 Cent gab es ein Reis- oder Nudelgericht mit Chai!

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Auf Chinas Straßen geht es laut zu.
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Der Nachtmarkt in Kashgar ist die Adresse für günstiges Abendessen
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Straßenstand mit Süßkartoffeln und gezuckerten Nüssen

Xinjiang ist eine facettenreiche Provinz tausende Kilometer entfernt vom bevölkerungsreichen Osten Chinas. Mit einem kleinen Video habe ich vier Kuriositäten festgehalten, die mir im Land der Uiguren begegnet sind.

Nach dem versonnenen Zentralasien erlitt ich in China einen kleinen Kulturschock. Allerdings war der vergleichsweise bevölkerungsarme Westen Chinas ein guter Einstieg für das, was ich in Pakistan erleben sollte. Noch immer war ungewiss, ob ich dorthin auf dem Landweg einreisen konnte oder der Gebirgspass zwischen beiden Ländern bereits geschlossen hatte. Bestätigung erhielt ich von Pakistanern, die ich auf dem Basar getroffen hatte und mit dem Bus eingereist waren, dass der Kunjerab-Pass auf der chinesisch-pakistanischen Grenze bis Ende November geöffnet sei. Beruhigt, aber mit einer gewissen Ungewissheit stimmte ich mich auf Pakistan ein. Ein Land, das in den vergangenen Jahren immer wieder vom Terror heimgesucht wurde. Und dem leider auch immer wieder Touristen durch Entführungen zum Opfer fielen. Aber zu dieser Jahreszeit sei es ruhig, wurde mit versichert, denn das Militär hätte die Lage unter Kontrolle. Pakistan – ein kleiner Traum wird wird wahr: Karakorum-Highway, ich komme!

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2 Gedanken zu “Last minute to China

  1. Anonymous

    Hallo Martin 🙂
    Liebe Grüße von C zu C. Conertpatz an China. Verfolge mal wieder gespannt deinen Weg an Orte, von denen ich noch nie gehört habe. Machs gut und erfrier besser nicht!
    Alles Liebe
    Waltraud

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    1. Meine gute Waltraud! – freut mich, dass der C in D mit W noch steht. 😀 Ich habe mich inzwischen über den kalten Norden Pakistans in den Süden gerettet. Sorry, aber hier ist T-Shirt-Wetter…
      Eine besinnliche Weihnachtszeit wünsche ich euch! Du weißt ja, weniger ist mehr 😉

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