Odessas Babuschkas

Odessa, 7 Uhr morgens. Der Bahnsteig war schwarz vor Leuten und Koffern als sich die fünfzehn Wagen meines Nachtzugs aus Kiev entleerten. Diesmal ging ich direkt zum Hostel, das unweit vom Bahnhof gelegen war. Irgendeiner wird mir dort schon aufmachen. Das Eingangsschild an der hölzernen Pforte hielt was es versprach: eine ältere Dame hieß mich gleich mit einem freundlichen dobra utra willkommen. Das Babushka’s Grand Hostel wird tatsächlich von einem Rentnerehepaar betrieben. Der Name ist Programm, selbstlos stellen sie ihre große Gründerzeitwohnung im ersten Stock für Herbergssuchende zu Verfügung. Was auf den ersten Blick beschaulich klingt, hat aber ökonomische Gründe. Freiwillig würde Babushka nachts wohl kaum aufbleiben, um ihren Gästen die Wohnung zu öffnen. Sie teilen sich ein Sechs- und ein Zehnbettzimmer, eine riesige Wohnstube und die Küche mit den Gästen nebst drei oder wie viel auch immer Katzen. Nur ein kleines Zimmer bleibt ihnen für ein Bett. Der Ehemann schläft aber im Gemeinschaftszimmer auf der Couch. Ein trauriger Anblick wie er Mitternacht ein Bettlaken auf die Couch legte. Erschwingliche sechs Euro zahlte ich für eine Nacht im Zehnbettzimmer. Die Altersarmut ist in der Ukraine erschreckend hoch, ich habe viele bettelnde Mütterchen vor Kirchen oder Einkaufszentren gesehen. Oft stehen sie an Unterführungen und verkaufen Obst aus dem eigenen Garten oder Haushaltskram, den selbst sie nicht mehr gebrauchen.

Ankunft des Nachtzugs aus Kiev in Odessa
„Willkommen den Helden in Odessa“: Ankunft meines Nachtzugs aus Kiev
Es ist Ferienzeit: wenn ein Zug im Kopfbahnhof Odessa ankommt, wird’s auf dem Bahnsteig eng
Das Eingangsportal von Babushkas’s Grand verspricht schon urigen Charme
Babushki’s Grand: das urige Wohnzimmer alias Gemeinschaftszimmer alias Schlafplatz von Großvater

Der erste Eindruck der Millionenstadt ist chaotisch und dreckig. In der größten Hafenstadt deer Ukraine scheint es rauer als im Westen oder der Hauptstadt des Landes zuzugehen. Zwischen Bahnhof und Zentrum reihen sich die Marktbuden, dazwischen fährt die Straßenbahn durch den Dreck und Autos wirbeln den Staub auf. Odessa hat nicht so viel zu bieten. Eine innenstadtnahe Strandpromenade gibt es nicht, nur einen Hafen, der industriell genutzt wird. Dafür ein paar repräsentative Straßen und Alleen mit historistischen Fassaden. Und ein ganz interessantes Straßenbahnnetz, das es sich zumindest mal zu einem Strandausflug zu erkunden lohnt. Die Schwarzmeerküste ist hier ohne Hotelbebauung wunderschön, was sich auch all die anderen Urlauber dachten. Meine Badehose hatte ich aber bewusst bei Babuschka gelassen, weil es nun wirklich Spannenderes gibt, als sich am Strand mit tausend Anderen zu sonnen.

Marktstimmung im Dreck zwischen Bahnhof und Zentrum
Stadtpromenade im Zentrum: das Opernhaus Odessas
Kwass aus dem Kessel: der gekühlte Brottrunk löscht den Durst in der Sommerhitze
In den Ferien ist man sich einig: die beliebte Schwarzmeerküste wird gern von Ukrainern und Russen besucht

Eine Abkühlung hätte jedoch bei über 30°C ganz gut getan. Stattdessen saß ich am Hang und schrieb meinen nächsten Blogpost. Ich bin die letzten Tage genug gelaufen, dass ich es mal ruhiger angehen lassen kann. Dazu ein kühles Kwass vom Fass, der beliebte russische Brottrunk, der wirklich sehr erfrischend und nicht zu süß ist. Ich genoss meinen vorletzten Tag in der Ukraine, denn morgen geht es weiter über Transnistrien nach Moldawien. Mal sehen, ob das alles gut geht…

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